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"Nimm Salz wie ein Geizhals, Essig wie ein Weiser, Olivenöl wie ein Verschwender..."

Olivenöl-Expertenwissen: Fakten und Mythen rund um das griechische Olivenöl.
Wissen kompakt: Fakten aus Gesellschaft, Politik und Wissenschaften

Hat der Olivenanbau im Mittelmeerraum noch eine Zukunft? Düstere Aussichten.

Was die leeren Flussbetten unter den Brücken der Mani erzählen – und warum der Klimawandel die gesamte Olivenölproduktion des Mittelmeerraums fundamental verändert.
Wer im Hochsommer als Tourist durch die Mani fährt, wundert sich manchmal. Inmitten der hügeligen Landschaft stehen grosse Brücken über… Nichts. Kein Wasser. Nur breite Steinwüste, ausgetrocknete Schotterbetten, die sich durch das Gelände ziehen wie vernarbte Wunden. Was aussieht wie ein Planungsfehler, ist Geologie und Klimageschichte zugleich: Das sind die Flussbetten der Gebirgsflüsse aus dem Taygetos. Im Winter, nach Einsetzen des Herbstregens, füllen sie sich wieder – manchmal mit erschreckender Gewalt. Die Breite der Steinwüste verrät, welche Kräfte dann wirken. Dann werden aus trockenen Rinnen reissende Flüsse. Aber der Sommer gehört dem Stein. Das war nicht immer so. Wer lange genug hier ist, weiss es. Ich bin seit 1995 Olivenbauer in der Mani. In den frühen Jahren war der Taygetos noch lange mit dichten Schneefeldern bedeckt – ein Bild, das die gesamte Landschaft der Mani prägte und sich in der kollektiven Erinnerung der älteren Bewohner tief verankert hat. Dieses Bild hat sich verändert. Die Schneefelder sind kleiner geworden und verschwinden früher im Jahr. Die Gebirgsflüsse, die früher noch bis in den Frühsommer Wasser führten, fallen heute immer öfter und immer früher trocken. Oft erreicht das Wasser die unteren Täler nicht mehr. Es versickert auf dem Weg, in ausgetrockneten Böden, die die Feuchtigkeit nicht mehr halten können. Das Wasser kommt nicht mehr am Meer an. Gleichzeitig habe ich in diesen Jahren schwere Sturzfluten erlebt, die ganze Strassenabschnitte weggerissen haben. Einmal wurden Autos und Kühlschränke aus dem Ortskern in das Hafenbecken von Gythion gespült. Ab den 1990er Jahren wurden extreme Stürme, die Dächer abdeckten und ganze Hänge aufweichten, zur unangenehmen Normalität. Das ist kein Widerspruch. Es ist dasselbe System – aber in einem anderen Aggregatzustand.

Das Paradox: Mehr Dürre und mehr Überflutung gleichzeitig:

Was sich in der Mani als persönliche Beobachtung anfühlt, ist wissenschaftlich präzise beschrieben. Der Mittelmeerraum gilt seit 2006 unter Klimaforschern als der wichtigste Klimahotspot Europas. Das bedeutet: Die Region erwärmt sich 20 bis 50 Prozent schneller als der globale Durchschnitt. Und sie verändert sich nicht gleichmässig – sie wird instabiler. Der Regen nimmt im Jahresmittel ab. Gleichzeitig werden Extremregenereignisse stärker. Das ist kein Widerspruch, sondern physikalische Konsequenz: Wärmere Luft hält mehr Feuchtigkeit. Wenn diese Feuchtigkeit sich entlädt, tut sie es nicht als Dauerregen, der langsam in den Boden einsickert – sondern als Starkregen, der oberflächlich abläuft, Erosion verursacht und wenig im Boden zurücklässt. Der trockene Boden nimmt Wasser schlechter auf. Das Ergebnis: weniger Grundwasser, weniger gespeicherte Feuchtigkeit, früher austrocknende Quellen. Und gleichzeitig: plötzliche Fluten, die nichts hinterlassen ausser Schäden. Sturmtief Daniel im September 2023 zeigte das in extremer Form: In der thessalischen Ebene in Nordgriechenland fielen an manchen Orten über 700 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in weniger als 24 Stunden – ein Mehrfaches dessen, was beim Ahrtal-Hochwasser gemessen wurde. Über 200.000 Nutztiere ertranken. Städte wurden von der Aussenwelt abgeschnitten. Autos schwammen durch Volos. Die Böden, so trocken nach dem Sommer, konnten das Wasser nicht aufnehmen. Es stand wochenlang als See über einer Region, die 30 Prozent der griechischen Landwirtschaft ausmacht.
Der Olivenbaum selbst übersteht das meiste davon. Er ist auf Trockenheit gezüchtet, evolutionär auf Kargheit ausgelegt. Aber die Olivenölproduktion ist nicht nur der Baum – sie ist ein System aus Mensch, Klima, Boden und Infrastruktur. Und dieses System gerät unter Druck, der sich in den letzten dreissig Jahren massiv beschleunigt hat. Im westlichen Mittelmeerraum ist das bereits messbare Realität. Spanien – der grösste Olivenölproduzent der Welt mit rund 45 Prozent der globalen Erzeugung – erlebte im Erntejahr 2022/23 einen Produktionsrückgang von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt. Die schlechteste Ernte seit 45 Jahren. Hitze und Dürre während der Blüte im Frühjahr führten zu einem katastrophalen Fruchtansatz in Andalusien. Der Olivenölpreis stieg in Deutschland innerhalb von vier Jahren um über 175 Prozent. Das war kein Einzelereignis. Es war das bisher deutlichste Zeichen eines strukturellen Wandels.

Der westliche Mittelmeerraum verliert, der östliche gewinnt – vorerst:

Klimamodelle zeichnen ein regional sehr unterschiedliches Bild. Der westliche Mittelmeerraum – Spanien, Portugal, Marokko, Tunesien – wird stärker betroffen sein als die östlichen Regionen. Modellierungen des Internationalen Olivenölrats und unabhängiger Forschungsgruppen zeigen: Im westlichen Mittelmeer ist mit einem deutlichen Rückgang der Olivenölproduktion zu rechnen, während östliche Anbaugebiete in der Türkei und Griechenland mittelfristig weniger stark betroffen sind. Tunesien – der zweitgrösste Olivenölexporteur der Welt – erlebt bereits jetzt drastische Einbrüche. Im Erntejahr 2022/23 lag die tunesische Produktion 43 Prozent unter dem gleitenden Fünfjahresdurchschnitt. Marokko kämpft mit anhaltender Dürre und Wassermangel. Nordafrikanische Olivenbauern beschreiben den Klimawandel nicht als Zukunftsszenario – sie beschreiben ihn als ihren Alltag. Gleichzeitig gibt es ein überraschendes Gegengewicht: Länder, die bisher keine bedeutende Rolle spielten, gewinnen an Boden. Die Türkei könnte laut Projektionen zum zweitgrössten Produzenten der Welt aufsteigen. Der Iran und China verzeichnen steigende Produktion. Olivenanbau verlagert sich. Das, was im westlichen Mittelmeer verloren geht, entsteht nicht dort neu – es entsteht woanders. Qualität, Terroir, Tradition: Das folgt nicht mit.
Und dann ist da die Frage der Brände. Feuer im Mittelmeerraum war immer ein saisonales Phänomen. Was sich verändert hat, ist das Ausmass und die Häufigkeit. Wissenschaftliche Projektionen zeigen für Teile des östlichen und südlichen Peloponnes 12 bis 17 zusätzliche Tage mit extremem Brandrisiko bis Ende des Jahrhunderts. Das klingt nach einem überschaubaren Anstieg. Es ist es nicht – weil die gefährlichsten Brände nicht an den normalen Brandtagen entstehen, sondern an den Extremtagen. Und davon gibt es mehr. Was ein Brand für den Olivenanbau bedeutet, wird unterschätzt. Der Olivenbaum selbst übersteht oft einen Feuerübergang – er treibt neu aus, er kann sich regenerieren. Aber der Boden braucht Jahrzehnte. Nach einem Brand lagern sich organische Verbindungen in den Oberbodenschichten ab, die ihn wasserabweisend machen. Regen fliesst ab statt einzusickern. Quellen versiegen. Der Mikroklimaeffekt, den dichte Vegetation auf Temperatur und Feuchtigkeit hatte, ist weg. Das Land wird heisser, trockener, anfälliger für den nächsten Brand. Olivenbäume, die das Feuer überlebt haben, stehen in einer veränderten Landschaft, die sie langfristig erschöpft.

Wind, Gebirge und das Brandregime der Zukunft:

In der Mani wirkt das Taygetos-Gebirge als Brandbeschleuniger. Gebirge erzeugen lokale Windsysteme: Warme Luft steigt auf, Hangwinde entstehen. Gleichzeitig bringen der Meltemi und andere Nordwinde trockene Luft mit. Wenn ein Feuer in dieser Dynamik entsteht, kann es sich innerhalb von Stunden über Hangflächen verbreiten, die keine Feuerwehr rechtzeitig erreicht. Das ist der Mechanismus, der in den grossen griechischen Bränden immer wieder zu beobachten war. In Attika, auf Rhodos, auf Evia: Das Feuer läuft schneller als alles, was dagegen eingesetzt werden kann. Früher gab es Brände. Heute gibt es, was Fachleute ein Brandregime nennen – eine klimatische und ökologische Grundkonstante, die Brände häufiger, grösser und intensiver macht. Der entscheidende Unterschied: Die Landschaft hat immer weniger Zeit zur Regeneration zwischen zwei Brandereignissen. Was sich einmal erholt hat, brennt beim nächsten Sommer wieder.
Was bedeutet das für das Olivenöl, das wir kennen? In dreissig Jahren als Olivenbauer habe ich gesehen, wie sich die Erntebedingungen verändert haben. Extremhitze während der Blüte, die den Fruchtansatz vernichtet. Trockene Sommer, die den Bäumen mehr Stress machen als früher. Flussläufe, die aufgehört haben zu fliessen. Und gleichzeitig: die Erkenntnis, dass die Qualität der wenigen Früchte, die ein Stressjahr übersteht, manchmal aussergewöhnlich gut ist. Der Koroneiki-Baum konzentriert unter Stress. Das ist seine Stärke. Aber diese Stärke ist keine Garantie für eine Zukunft der Olivenölproduktion als Lebensgrundlage für Kleinbauern. Wirtschaftlich überlebt nur, wer ausreichend Ertrag hat, um die Produktionskosten zu decken. Klimastressjahre mit 40 Prozent weniger Ertrag machen das unmöglich – auch bei bestem Öl. Die leeren Flussbetten unter den Brücken der Mani sind keine touristische Kuriosität. Sie sind ein Zeiger. Sie zeigen, wo das Wasser war. Und sie zeigen, wie es langsam weniger wird.

Key Facts & Highlights

  • Mittelmeer erwärmt sich 20 bis 50 Prozent schneller als der globale Durchschnitt – offizieller IPCC-Klimahotspot seit 2006
  • Paradox: Weniger Jahresniederschlag, aber häufigere Extremregenereignisse – Boden kann Wasser nicht mehr halten
  • Sturmtief Daniel, September 2023: bis zu 700 Liter/m² in 24 Stunden, 200.000 Nutztiere ertrunken, 30 Prozent der griechischen Landwirtschaft betroffen
  • Spanien 2022/23: –50 Prozent Olivenernte, schlechteste Ernte seit 45 Jahren, Olivenölpreis in Deutschland +175 Prozent in vier Jahren
  • Tunesien 2022/23: –43 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Marokko: anhaltende Dürre und Produktionsrückgang
  • Westlicher Mittelmeerraum verliert Produktionskapazität, östlicher (Türkei) gewinnt – Qualitätsregionen wie Mani sind mittelfristig weniger betroffen
  • Brände nach Waldbrand: Hydrophobe Bodenschicht verhindert Wasserversickerung – verstärkende Rückkopplung
Die Brücken stehen noch. Irgendwann wird auch unter ihnen kein Wasser mehr fliessen. die Prognosen sind nicht gut. Aber die Olivenbauern in der Manie sind zäh, sie werden ihrem Land den letzten Tropfen Wasser abringen.
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